Psychotherapie und Schamanismus
Schamanen werde gerne als die ersten Psychotherapeuten überhaupt bezeichnet, und ich finde das durchaus treffend formuliert. Eines der Hauptziele des Schamanismus besteht darin, den Menschen in Verbindung mit der heiligen Ganzheit der Natur zu bringen bzw. dort zu halten. In diesem Weltbild ist die geläufige westliche Haltung, die Mensch und Natur als einander gegenüberstehende Pole betrachtet, sowohl Ursache als auch Symptom für viele unserer Schwierigkeiten – von körperlichen Erkrankungen über seelische Probleme bis hin zu aufreibenden Lebensverhältnissen. Nach schamanistischer Sicht jedoch ist der Mensch ein Teil der Natur, ist also selbst ebenfalls Natur. Daran kann er nichts ändern; doch er kann sein Bewusstsein dessen verlieren und sich verhalten, als sei er vom Ganzen abgespalten. Das hat jedoch gravierende Folgen für den Einzelnen wie auch für die Gemeinschaft, denn wenn der Mensch aus der Einheit heraustritt, verhält er sich oft auf unkonstruktive Weise und wirkt so zerstörerisch auf sich selbst wie auch auf seine Umwelt ein. Der Weg zur Heilung besteht also darin, dem Einzelnen zu ermöglichen, sich seiner Vernetzung mit dem heiligen Ganzen wieder bewusst zu werden.
Was jedoch hält uns Menschen davon ab, uns dieser Einheit bewusst zu sein? Nun, da sind sich Schamanen und Psychotherapeuten einig, auch wenn sie verschiedene Begriffe dafür verwenden: Es sind unbewusste Gefühle, Strebungen, Gedanken und Motive, die unser Verhalten auf für uns kaum oder gar nicht wahrnehmbare Weise beeinflussen – die berühmt-berüchtigten “negativen Gedankenmuster” eben. Schamanisch ausgedrückt, sind uns Teile unserer Seele oft nicht zugänglich; sei es, weil wir sie vergessen haben oder auch, weil sie sich tatsächlich außerhalb unserer Reichweite befinden. Mit diesen Seelenanteilen gehen jedoch Kräfte und Fähigkeiten einher, die uns fehlen, solange wir keinen Zugriff auf sie haben, und Gefühle der inneren Leere, der Angst und Verzweiflung oder einer tiefen, jedoch ungerichteten Sehnsucht sind oft ein Hinweis auf den Verlust eines solchen Seelenanteils.
Bestimmte schamanistische Techniken dienen dem Zweck, solche Seelenanteile zurückzubringen, in Erinnerung zu rufen oder die Seele auf andere Weise zu heilen, um uns so zu verbundeneren und dadurch handlungsfähigeren, energiegeladeneren und liebevolleren – also mächtigeren Menschen zu machen.
Für eine weitergehende Einführung in dieses Thema empfehle ich von Roger Walsh “Der Geist des Schamanismus”.
Auf http://www.schamanismus-information.de/ ist der überaus interessante Artikel “Der Schamane – Das Urbild des Therapeuten” des bekannten Psychiaters C. Scharfetter zu finden. Darin wird
der Schamane als ursprüngliche Therapiegestalt, seine Beziehung zur Psychopathologie und Psychotherapie [...] anhand der ethnologischen Literatur dargestellt.