Naturspiritualität
Am Anfang war Vater Himmel und Mutter Erde
Die Erdreligion ist die Älteste dem Menschen bekannte Form der Spiritualität. Die Bewohner der steinzeitlichen Steppen und Wälder verehrten die Natur als lebendiges, heiliges Wesen, von dem alles kommt und zu dem alles wieder zurückkehrt. Zunächst pflegte man noch direkte Beziehungen zum Geist des Windes, der Tiere, der Bäume und vieler anderer Facetten von Mutter Erde und Vater Himmel; spätere Kulturen wie die Ägypter, die Kelten oder auch die nordisch-skandinavischen Gesellschaften verehrten diese Naturelemente dann in Gestalt personifizierter Gottheiten. Einige Kulturen auf dieser Erde tun das noch immer! Erst mit der jüdischen Religion bzw. spätestens seit dem Einzug des Christentums herrscht in unserer Gesellschaft ein anderes Denken vor, in welchem das Göttliche außerhalb der Welt residiert und in der Schöpfung selbst kein Platz mehr dafür ist.
Die Renaissance der Naturspiritualität
Seit einigen Jahrzehnten jedoch zieht diese uralte Form der Spiritualität langsam wieder in unsere Kultur ein. Immer mehr Menschen interessieren sich für ganzheitliche Praktiken und Sichtweisen, die es ihnen ermöglichen, sich selbst als Teil eines lebendigen, bewussten und heiligen Ganzen zu erfahren. Solche Erlebnisse haben sich für viele Menschen als wunderschöne und heilsame Erfahrung erwiesen.
Die Kraft der Vielfalt
Es ist kaum möglich, die Vielgestalt moderner Naturspiritualität in nur wenigen Zeilen zu erfassen. Da gibt es einerseits die vielen neuheidnischen Gruppen und Bewegungen, die eine Wiederbelebung und Erneuerung vorchristlicher Religionen anstreben. Dem gegenüber stehen die Lehren des Schamanismus. Dessen Inhalte müssen zwar nicht wiederbelebt werden, weil sie in vielen Teilen der Erde noch heute lebendig praktiziert werden, dafür sind sie in der westlichen Kultur weitgehend unbekannt. Seit einigen Jahren scheinen jedoch überall auf der Welt Schamanen erstmals bereit zu sein, ihr Wissen wieder in unsere Gesellschaft einzubringen. Auch offene und aufmerksame Anthropologen wie Michael Harner und Felicitas Goodman oder Ethnographinnen wie Jenny Blaine und andere haben das ihre dazu beigetragen, den Schamanismus bei uns einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Schließlich findet man viele Gruppen und auch Einzelpersonen, die sich aus all dem ein auf sie zugeschnittenes System schaffen, welches ganz an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst ist.
Die Grundlagen naturreligiösen Denkens
Für naturreligiöse Menschen befindet sich das Göttliche nicht außerhalb der Schöpfung, sondern darin – genauer gesagt, die Erde, das Universum, unsere gesamte Lebenswelt ist das Göttliche selbst. Somit ist die gesamte Schöpfung heilig; jeder Baum, jeder Fels, jedes Tier und jedes Haus – und auch jeder Mensch! Denn da wir uns hier nicht als von der Natur getrennt, sondern als Teil davon betrachten, erleben wir uns als ebenso heilig wie alles, was uns umgibt. Auch Naturspiritualität erkennt die Tatsache an, dass wir die Welt als ein Spannungsfeld von Polaritäten erleben, doch definiert sich die göttliche Dualität hier nicht in Begriffen von Gut und Böse, sondern von Männlich und Weiblich. Göttin und Gott, Mutter Erde und Vater Himmel in ihren vielen Erscheinungsformen sind die Zentralfiguren naturreligiösen Erlebens.
Viele Neuheiden – wie sich eine große Zahl der Vertreter dieser Religionsform zusammenfassend bezeichnen – ehren darüber hinaus noch weitere Wesenheiten wie die Ahnen, Elementarwesen, Naturgeister, Kraftwesen oder das Große Geheimnis.
Männer und Naturspiritualität
Naturspiritualität ist auf dem Vormarsch – zumindest bei den Frauen. Wo wir auch hinsehen, begegnen uns Angebote für eine weibliche Spiritualität, vom “Entdecke die Göttin in Dir”-Workshop bis zum Volkshochschulkurs zum Thema “gynozentrische Kulturen und ihre spirituellen Traditionen”. In den meisten neuheidnischen Gruppen und Kreisen bezieht man sich heutzutage ganz selbstverständlich auf die Göttin, als wenn sie eine persönliche Duzfreundin wäre; mit dem Gott haben jedoch viele Vertreter neuheidnischer Spiritualität so ihre Probleme. Eine diesbezüglich rühmliche Ausnahme bilden jene Gruppen, die auf dem Weg nordisch-skandinavischer Traditionen gehen (wie z.B. Asatru), doch auch hier findet sich oft ein einseitiges, deutlich patriarchalisch dominiertes Gottesbild, das modernen Männern auch keinen Ausweg aus der Männlichkeitsfalle bietet.
Wir sind der Ansicht, dass es Zeit ist, ein neues Vorbild männlichen Seins zu schaffen, das, wie ausgerechnet die Feministin Starhawk so wunderschön formuliert hat,
die Kraft des Gefühls und das Urbild dessen [ist], was Männer sein könnten, wären sie von den Zwängen der patriarchalen Kultur befreit.
aus: Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin
Starhawk hat hier einen überaus wichtigen, gern überlesenen Punkt in einem einzigen, treffenden Satz zusammengefasst:
Obwohl viele Frauen in den Männern die einzigen Gewinner der patriarchalischen Gesellschaft sehen, ist dem bei weitem nicht so.
Männer zahlen in unserer Kultur für ihre beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Vorrechte einen hohen, ja mörderischen Preis: Sie müssen auf einen wesentlichen Teil ihres Selbst verzichten, und es ist gerade dieser Teil, der ihnen innere Sicherheit, Geborgenheit und emotionales Wohlbefinden verschaffen kann.
William drückt es treffend aus, wenn er sagt:
Die judeo-christliche Tradition hat nicht nur die Frauen der Göttin beraubt, sondern auch uns Männer des gütigen, verständnisvollen, warmherzigen und emotionalen, aber auch kraftvollen und leidenschaftlichen Gottes, der uns Identifikationsobjekt und Vorbild sein könnte.
Diesen Teil zurückzuerobern, bedeutet aber keineswegs, auf den durchsetzungsstarken Teil verzichten zu müssen! Entsprechend arbeiten wir mit dem Archetyp des wohlwollenden Vaters, der mit warmherzig leuchtenden Augen stolz auf uns herabblickt und dem, was er sieht, seine ganze Liebe entgegenbringt. Ein Gott, dessen Tränen seine Kraft sind, der aber dennoch mit der Faust auf den Tisch hauen kann, wenn es nötig ist. Dieses Männlichkeitsbild beschränkt sich weder auf den “Macho” noch auf den “Softie”, sondern ermöglicht Männern, sowohl ihre kraftvolle, entschiedene als auch ihre emotionale und innige Seite zu leben, und zwar jede dann, wenn sie angemessen ist, weil sie heilsam und unterstützend wirkt. Und wann das der Fall ist, entscheidet niemand anders außer dem betroffenen Mann selbst!