Für ein menschliches Miteinander

Nordisch-germanisches Heidentum und seine problematische Ausgangssituation

Das Thema Rechtsextremismus hat vor allem in der deutschen neuheidnischen Bewegung große Bedeutung, weil es sich viele kleinere und auch einige größere Gruppierungen zur Aufgabe gemacht haben, rechtsextremistischen Tendenzen deutlich entgegenzuwirken. Diese Notwendigkeit besteht in Deutschland nicht nur aufgrund der Tatsache, dass der Faschismus im letzten Jahrhundert von unserem Boden aus zu unendlich viel Leid, Schmerz und Tod geführt hat, sondern auch deshalb, weil Verwurzelung für Deutsche Menschen genau aus diesem Grund ein schwieriges Anliegen ist. Einerseits möchten wir uns genauso auf unsere Traditionen und Errungenschaften berufen können wie andere Völker und Nationen auch, andererseits bedeutet das für viele Neuheiden jedoch, sich auf Überlieferungen zu beziehen, die im Dritten Reich auf grausamste Weise mißbraucht worden sind.

Wer sich in Deutschland spirituell auf nordisch-germanische Wurzeln beruft, setzt sich grundsätzlich und bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal dem Verdacht aus, rechtspolitisch orientiert zu sein, denn immerhin ist vielen gesellschaftlichen Gruppierungen nicht einmal bekannt, dass es auch neuheidnische Gemeinschaften in germanischer oder nordischer Tradition gibt, die freiheitlich denken und leben. Darüber hinaus gibt es genügend Menschen, die dieser Behauptung von vornherein keinen Glauben schenken, für die es einen freiheitlichen Asatruar schlichtweg nicht gibt. Auch eine Form der Diskriminierung und des Totalitarismus, denke ich, aber dennoch Realität.

Es ist also kein Wunder, dass sich viele Neuheiden, und darunter ein verständlicherweise großer Anteil von Menschen, die sich auf nordisch-germanische Traditionen berufen, den Kampf gegen naturreligiösen Faschismus zur Aufgabe gemacht haben. Allerdings sehe ich hier verschiedene Motive, und nicht alle davon führen zu Handlungsweisen, die hier erfolgversprechend sind.

Unbewußte Motive für antifaschistisches Engagement

Ich denke, dass alle Neuheiden, die sich auf die eine oder andere Art gegen ein germanisch-faschistisches Heidentum engagieren, auf bewußter Ebene dasselbe, überaus löbliche und sehr wichtige Motiv teilen: Dafür zu sorgen, dass es nie wieder so weit kommt. Das von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht und hier niemals wieder Menschen um ihre Rechte oder gar ihr Leben fürchten müssen, nur weil sie anders denken als die Masse. Oder auch nur als einige wenige Machthaber.

Allerdings vermute ich seit längerem unter diesem offensichtlichen und von allen geteilten Motiv bei bestimmten, besonders aggressiv engagierten Vertretern und Gruppierungen der heidnisch-antifaschistischen Bewegung weitere Motive, die zwar unbewußt sein mögen, sich deshalb aber nicht weniger deutlich und leider bezüglich der Ziele dieser Bewegung äußerst kontraproduktiv auswirken. Da sich in Deutschland eine germanisch verwurzelte Spiritualität automatisch dem Verdacht rechter Gesinnung aussetzt, ist es für Angehörige dieser Gruppierungen obligatorisch, sich deutlich von rechten Vereinigungen absetzen zu müssen, da sie sonst mit diesen in einen Topf geworfen und ebenfalls verfolgt werden. In diesem Land wird nun einmal nicht zunächst einmal davon ausgegangen, dass ein nordisch-germanischer Heide liberal ist, sondern es wird immer erst einmal das Gegenteil angenommen und in Form des Vorurteils auch noch auf alle anderen neuheidnische Gruppierungen verallgemeinert. Aus dieser traurigen Notwendigkeit heraus kommt es meiner Ansicht nach allerdings bei vielen Neuheiden im Zuge des Versuchs, sich vom rechtsextremem Heidentum abzusetzen, zu deutlichen Überreaktionen, denn einige der heidnisch-antifaschistischen Gruppierungen und auch Einzelpersonen greifen zu diesem Zweck zu äußerst aggressiven Methoden, die Intoleranz, Ausgrenzung, Diffamierung und teilweise sogar Hetze umfassen.

Psychologisch betrachtet handelt es sich dabei um einen weit verbreiteten Verhaltensmechanismus, der als Identifikation mit dem Aggressor bezeichnet wird. Menschen, die aus welchen Gründen auch immer Ablehnung und Ausgrenzung befürchten müssen, wechseln oft auf die Seite der Ausgrenzenden über, um sich davor zu schätzen, selbst Opfer solchen Verhaltens zu werden. Sie handeln also demonstrativ, was in diesem Fall eine übertrieben bis extrem linkspolitische Orientierung zur Folge hat. In gewisser Weise brauchen viele in einer germanischen Tradition stehende, nicht rechtsextreme Heiden rechte naturreligiöse Vereinigungen als kontrastierende Leinwand, vor deren Hintergrund sie sich als freiheitlich und liberal abheben können. Diese Menschen sehen leider oft die einzige Möglichkeit, der Öffentlichkeit zu beweisen, dass sie nicht rechts sind darin, rechte Heiden und als solche diffamierte Menschen bedenkenlos schärfstens zu verurteilen. Aber wann hat eine Haltung der Ablehnung, Verurteilung und Ausgrenzung jemals ein positives Gesellschaftsklima und eine unterstützende Gemeinschaft geschaffen?

Das Problem einer oberflächlichen Faschismus-Definition

In unserer Gesellschaft herrscht der trügerische Glaube, die Faschisten seien mit den Rechten identisch, und wer sich linkspolitisch orientiert, sei davor gefeit und befinde sich in einer ideologisch sicheren Umgebung. Deshalb werden die Verhaltensweisen antifaschistischer Gruppierungen grundsätzlich nicht mehr kritisch hinterfragt, und das halte ich für einen großen und überaus gefährlichen Fehler. Totalitäres Denken ist nichts, was die Rechten für sich gepachtet hätten. Unsere gesamte Gesellschaft basiert darauf, denn es handelt sich dabei um nichts anderes als Schwarzweiß-Denken, das nur die eigene Lebensweise als richtig und vor allem jene Lebensformen, die der eigenen konträr gegenüberstehen, als falsch und nicht etwa als komplementär begreift. Dieses Prinzip zieht sich durch fast alle gesellschaftlichen Probleme und Meinungsverschiedenheiten nur Entweder-Oder anstatt Sowohl-Als auch, Polarisierung anstatt Synergie.

Leider ist die Faschismus-Definition vieler sich antifaschistisch engagierender Menschen jedoch äußerst oberflächlich. Die meisten bringen damit immer noch primär die Ausgrenzung von Juden und Ausländern in Verbindung, anstatt zu begreifen, dass es sich um einen Verhaltensmechanismus handelt, der sich gegen jede Form des Lebens, der Kultur oder der Gesellschaft richten kann. Faschismus bzw. totalitäres Denken liegt immer dann vor, wenn a) Menschen ausgegrenzt werden, b) Menschen aufgrund eines einzigen der vielen sie charakterisierenden Merkmale komplett abgelehnt werden (wie der Religionszugehörigkeit, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten nationalen, ethnischen oder sonstigen kulturellen Gruppierung, der politischen Ansichten etc.) und c) das negative Extremverhalten einzelner Mitglieder einer kulturellen Gruppe auf die gesamte Gruppierung verallgemeinert wird (“die sind alle unsauber/dumm/aggressiv/gewalttätig” etc.).

Weil sich in unserem Land jedoch jeder, der die Vorgehensweise antifaschistischer Gruppierungen kritisch betrachtet, sofort selbst dem Verdacht rechtsextremer Orientierung ausgesetzt sieht bzw. tatkräftig entsprechend diffamiert wird, findet eine solche Überprüfung fast überhaupt nicht statt. Und so fällt auch niemandem auf, dass bestimmte, besonders aggressive “antifaschistische” Vereinigungen und Einzelpersonen Menschen, die sich zu einer rechten Gesinnung bekennen oder denen einfach eine solche unterstellt wird, von diesen antifaschistischen Gruppen sehr wohl ausgegrenzt werden. Man schneidet sie, spricht nicht einmal mit ihnen, meidet sie, unterstellt der gesamten Gruppe Gewalttätigkeit, stellt sie als minderintelligent dar, diffamiert sie und schließt sie von öffentlichen heidnischen Veranstaltungen aus, auch wenn sie sich bisher dort angemessen verhalten haben, nur weil sie anderer politischer Meinung sind als die Veranstalter. Viele der so ausgegrenzten Menschen haben nichts Illegales getan – immerhin ist es in diesem Land durchaus erlaubt, zum Beispiel die republikanische Partei zu wählen, auch wenn das vielen anderen nicht gefallen mag. Aber mit welchem Recht verurteilen wir Menschen für ein Verhalten, das der Staat ihnen als rechtmäßig zubilligt?

“Wir” und “die”

Ich vermute, dass diese Ausgrenzung dem Zweck dient, demonstrativ zu verdeutlichen, dass Heiden mit rechter Gesinnung nicht zur naturreligiösen Bewegung gehören. Sie werden einfach “hinausgeworfen“, denn wenn sie kein Teil unserer Gemeinschaft sind, müssen wir uns auch nicht mit ihnen und damit den uns allen innewohnenden totalitären Anteilen auseinandersetzen. Dann ist das nicht das Problem der heidnischen Bewegung, sondern der Rechten “da draussen“, und wir müssen uns ihm nicht mehr stellen. Genau das ist nämlich hier in Deutschland das übliche Vorgehen: Man bearbeitet faschistoide Anteile innerhalb der Gesellschaft nicht, sondern grenzt sie aus und benutzt sie somit als Sündenbock. Die Faschisten, das sind die anderen, aber doch nicht wir!

Leider irren wir uns meiner Ansicht nach in beiden Punkten. Rechte Heiden sind ein Teil unserer neuheidnischen Gemeinschaft, und wenn uns das nicht gefällt, sollten wir ihnen attraktive Alternativen zu ihrer Art der Verwirklichung ihrer persönlichen Bedürfnisse bieten, anstatt mit ihnen genau das zu machen, was wir ihnen selbst vorwerfen. Und der Faschismus ist noch längst keine aussterbende Gattung, wie der Umstand, dass sich auf beiden Seiten dieses Konflikts dieselben Verhaltensweisen finden lassen, deutlich zeigt.

Faschismus und Totalitarismus als gesellschaftspolitisches Instrument

Dabei kann ich Menschen, die sich auf oberflächliche und unreflektierte Weise “antifaschistisch” engagieren, durchaus verstehen, denn es wird uns in unserer Gesellschaft nicht leicht gemacht, eine tiefgehende Faschismus- und Totalitarismusdefinition zu entwickeln. Tatsächlich ist es nicht im Interesse unseres politischen Systems, dass die Masse den Unterschied zwischen einer oberflächlichen und einer tiefgehenden Faschismus-Definition erkennt und entsprechend handelt, weil viele der Menschen, die in unserem Land den größten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Einfluß haben, uns immer noch vorschreiben wollen, wen wir abzulehnen haben und wen nicht, welche Einflüsse wir anzuerkennen und welche wir auszugrenzen haben. Wenn zu viele einzelne Menschen zu einer tiefgehenden Faschismusdefinition gelangen, dann ist die Energie der Masse nicht mehr im Sinne der wenigen von unserem Wirtschaftssystem Profitierenden steuerbar. Unsere Gesellschaft benutzt Anhänger rechtsextremer Vereinigungen als Projektionsflächen für die eigene Unzulänglichkeit. Schwarze Schafe nennt man so etwas auch – Sündenböcke eben. (Das ändert nichts daran, dass faschistoides Gedankengut auch hier unangemessen und das Leben zerstörend ist – die Funktion als Projektionsfläche macht die fragwürdigen Inhalte nicht glaubwürdiger, das sind zwei verschiedenen Prozesse.) Aber solange wir keine andere Form des Umgangs mit unseren eigenen intoleranten, antisozialen und faschistoiden Anteilen gefunden haben, brauchen wir diese Projektionsfläche auch weiterhin. Daraus erklärt sich, warum die üblichen “antifaschistischen” Maßnahmen genaugenommen nicht das Geringste bewirken. Seit der Gründung entsprechender heidnischer Vereinigungen ist diesbezüglich nichts, aber auch rein gar nichts geschehen – es gibt keine einzige rechte Vereinigung weniger, die sich nicht sofort unter neuem Namen selbst gegründet hat, und ich kenne bis auf zwei Ausnahmen keinen einzigen Menschen, der aufgrund dieser Maßnahmen seine politische Meinung geändert hatte – und diese beiden Ausnahmen sind lange vor der Entstehung heidnischer antifaschistischer Gruppen aus eigener Kraft aus ihrem rechten Umfeld ausgetreten. Daraus schließe ich, dass es dringend an der Zeit ist, neue Maßnahmen und Möglichkeiten im Umgang mit rechtspolitisch orientierten Menschen und Gruppierungen und auch mit uns selbst zu finden.

Menschenwürde steht entweder allen oder keinem zu

Fakt ist, dass nur ein Teil jener Menschen, die von den meisten antifaschistischen Vereinigungen als rechtspolitisch bezeichnet werden, tatsächlich rechter Gesinnung ist. Man pflegt nämlich in einigen antifaschistischen Kreisen jene Menschen, die sich die Freiheit nehmen, auf andere als dem neuheidnischlinken Verhaltenskodex entsprechende Weise gegen totalitäres Denken vorzugehen, einfach ebenfalls als rechtsextrem zu diffamieren. Und rechten Menschen darf man laut diesem Verhaltenskodex nicht zuhören, man darf sie nicht ernst nehmen. Wie überaus praktisch!

Meiner Ansicht nach ist es jedoch Anzeichen einer blinden Scheuklappen-Mentalität, zu glauben, dass Menschen, die anders als die politische Linke oder Mitte denken, grundsätzlich und nur aufgrund dieses einen Kriteriums ablehnenswert wären und nichts zu bieten hätten. Selbst diejenigen, die tatsächlich eine rechte Partei wählen, bringen damit Bedürfnisse zum Ausdruck, die vielen von uns gemeinsam sind und die wir alle auf jeweils eigene Art und Weise zu befriedigen suchen. Auch jemand, der rechts wählt, kann ein liebevoller Vater, ein guter Freund, ein intelligenter oder spirituell fähiger Mensch sein – ebenso, wie auch ein linkstotalitär agierender Mensch über all diese Eigenschaften verfügen kann. Einzelne, vielleicht problematische Persönlichkeitsbereiche machen nicht den gesamten Menschen aus. Erst, wenn ich das akzeptiere, kann ich auf mein Gegenüber zugehen und auf angemessene, menschliche und annehmende Weise mit ihm über das Problem sprechen, das ich in einem einzigen seiner Charakteristika für mich und meine angestrebte Lebensweise sehe.

Fanatismus ist immer ein Zeichen von Unsicherheit

Aber aufeinander zuzugehen ist ja, wie bereits erwähnt, im Verhaltenskodex vieler antifaschistischer Gruppen und Einzelpersonen tabuisiert. Ganz im Gegenteil – wer mit Menschen mit rechtspolitischer Gesinnung spricht, wird sofort selbst als rechts gebrandmarkt, und das mit solch einem Eifer sowie solch einer Geschwindigkeit und Vehemenz, dass sich hinter diesem Verhalten eine große Angst vermuten läßt. Scheinbar sieht die antifaschistische Linke darin eine große Gefahr. Hält sie ihre Standpunkte denn für so fragil, instabil und fragwürdig, dass sie glaubt, nicht einmal dem Gesprächskontakt mit Rechten standhalten zu können? Leute, mit denen man nicht einmal reden darf, gibt es auch im indische Kastensystem mit seinen Pariahs. (Übrigens: Das indische Kastensystem ist auch so ein Projektions-Sündenbock. Jeder, den man hier im Westen danach fragt, verurteilt es, aber auch bei uns werden die Ärmsten, welche die unterste Gesellschaftsschicht bilden, eher mit Ablehnung betrachtet als mit Mitgefühl. Und wer hat schon Freunde außerhalb seiner eigenen Gesellschaftsschicht, vor allem in der untersten und vor allem, wenn er selbst zur mittleren oder höheren Schicht gehört?)

Aufeinander zuzugehen ist also im Maßnahmenkatalog der meisten antifaschistischen Initiativen nicht vorhanden. So werden als rechts gebrandmarkte Menschen (ob’s nun stimmt oder nicht) einfach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Zugleich werden damit aber auch Gedanken “entschärft“, die wir als bedrohlich empfinden, weil sie unter Umständen ein echtes Wachstumspotential für unsere Gesellschaft enthalten. Aber wer in Deutschland sicher sein will, dass ein Gedanke wirklich nicht weitergedacht wird, der brandmarkt ihn und seine Vertreter einfach als rechtspolitisch, als faschistoid, denn in unserem Land ist es nicht nur richtigerweise verboten, faschistisch-totalitäres Gedankengut zu verbreiten, sondern gefährlicherweise auch nicht erlaubt, etwas, das einmal in die Faschismus-Kiste gesteckt wurde, kritisch ob seines tatsächlichen Gehaltes an totalitären Strukturen zu überprüfen. Wer mit Rechten redet, ist selbst einer. Das ist wunderschönes, einfaches und bequemes Schwarzweiß-Denken – und damit in sich totalitär. Es gilt in unserer Gesellschaft als angemessen und richtig, Menschen, Gedanken, Ideen vollständig und als Ganzes abzulehnen, wenn Teile davon nicht unseren Überzeugungen und vor allem in dieser Gesellschaft als richtig vorgeschriebenen Denkweise entsprechen. Das ist in sich ein totalitäres Denken, und es entspricht einfach nicht der Wahrheit. Kein Mensch, keine Theorie, kein Gedanke enthält nur unangemessene, negative oder zerstörerische Inhalte. Wenn schon nichts sonst, dann gibt er uns zumindest einen Hinweis auf legitime menschliche Bedürfnisse, die hier nur auf unangemessene Weise umgesetzt werden und derer sowie der sie ausdrückenden Menschen wir uns annehmen sollten, anstatt sie auszugrenzen. Denn jedesmal, wenn wir einen Menschen aufgrund seines rechten Gedankenguts ausgrenzen, schaffen wir zwei Faschisten. Zum einen den ausgegrenzten Menschen, der nicht mehr von einer Gemeinschaft aufgefangen wird, in diese integriert ist und von ihren vielfältigen Ideen und Gedanken genährt wird, sondern außerhalb dieser Gemeinschaft nur noch auf die anderen aus demselben Grund ausgegrenzten Menschen trifft, die keine gedankliche Vielfalt mehr aufweisen und einander so selbst verstärken. Kein Wunder, dass diese sich dann zu einer rechtsextremen Vereinigung zusammentun – sonst will sie ja keiner. Der zweite “Rechte” jedoch, der damit geschaffen wird, ist der den ersten ausgrenzende Mensch selbst, der sich totalitärer Verhaltensweisen bedient hat. In furchtbarer zweifacher Hinsicht verringern wir mit unserem üblichen, als akzeptabel und angemessen betrachteten Verhalten gegenüber rechtem und als solchem bezeichnetem Denken und den entsprechenden Menschen rechte, faschistoide und totalitäre Strukturen also nicht, sondern wir schaffen und verstärken sie. Faschismus und Totalitarismus beschränken sich nicht auf die politische Rechte und haben sich noch nie darauf beschränkt, wie wir aus der Geschichte wissen – den Begriff des Links-Faschismus habe ich schließlich nicht erfunden, und er stammt auch nicht von beleidigten Rechten, sondern ist historischer Fakt. Die jeweiligen extremen Lager beider politischer Gruppierungen bedienen sich desselben Instrumentariums. Beide leugnen dies, beide projizieren diesen Anteil auf das jeweilige Gegenüber, beide glauben sie, dass sie sich inhaltlich voneinander unterscheiden – aber mir ist es egal, ob ich Juden, Ausländer, Asatruar oder wen auch immer hassen oder mögen soll, solange man meint, mir mein diesbezügliches Verhalten vorschreiben zu dürfen und mich für einen von der politischen Linie, von der political correctness abweichenden kritischen Umgang mit diesen Inhalten ausschließt und bestraft. Die Linke wirft den Rechten ihre große Gewaltbereitschaft vor – zu Zeiten, in denen auf linken wie rechten Internet-Foren eine nie gesehene Verbalaggression herrscht und Diffamierung zu einem gesellschaftlich akzeptierten und sogar geschätzten “Kommunikations“-Instrument geworden ist; zu Zeiten, in denen die linken Gegendemonstrationen ebenso gewalttätig verlaufen wie die rechten Demonstrationen, gegen die sie sich eigentlich richten. Und manchmal schlimmer.

Faschismus im Kontext der westlichen Zivilisation

Wenn wir diese Betrachtung nun auf der nächsthöheren Ebene fortsetzen, wird deutlich, warum unsere westliche Zivilisation Faschismus und Totalitarismus hervorbringt anstatt ihn zu verringern. Rechtsextremismus gibt es nach wie vor in allen Nationen des Westens. Warum also braucht unsere gesamte Zivilisation diese Tendenz? Nun, das liegt daran, dass wir alle einem totalitären System angehören. Das griechische Sprachsystem, das platonische Denken und jene christlichen Einflüsse, die zu einer Vernichtung der Vielzahl religiöser und kultureller Strukturen in Europa führten, schufen eine Kultur, die im Vergleich zur vorher bestehenden vielfältigen kulturellen Landschaft Europas bereits eine Einheitskultur war, eine Monokultur der Gesellschaft. Diese Einheitskultur mußte den Verlust von Selbstwert, der mit dem Verlust von Verwurzelung einherging, irgendwie kompensieren und tat dies auf dem Weg der Expansion. Vor fünfhundert Jahren begann dieses seiner Identitätswurzeln beraubte Europa, die Welt zu kolonialisieren und tut das heute noch, wenn auch nicht mehr auf dem Eroberungsweg, sondern mittels weiterer Verbreitung der europäisch-amerikanisch-westlichen Kultur, die grundsätzlich alles, was nicht ihrem Denken entspricht, als minderwertig oder gar gefährlich betrachtet. Die Masse der Bürger ist immer noch auf selbstverständliche Weise davon überzeugt, dass unsere Lebensweise jener naturbasierender Völker bei weitem überlegen ist. Man denke doch nur an all die Maschinen, medizinischen Hilfsmittel und so fort, die das deutlich zu beweisen scheinen! Nun, man denkt leider nur selten an die Vereinsamung, Verstädterung und die Zunahme von Gewalt, an das Suchtproblem, die Zunahme umweltbedingter Erkrankungen, die Umweltzerstörung und all die anderen negativen Existenzbedingungen, die unsere Form des Lebens ebenfalls mit sich gebracht hat. Die Arroganz, mit der sich unsere Zivilisation über naturbasierende Völker überall auf dem Planeten stellt (und mit der sie diese aktiv vernichtet!), ist eine zwingende Folge der Verdrängung des Leids, das uns die westlich-moderne Lebensweise gebracht hat. Faschistoides und totalitäres Denken liegen an der Wurzel unserer modernen Einheitskultur und werden von dieser unmittelbar hervorgebracht, weil sie keine Verwurzelungsmöglichkeit in der regionalen Kultur und Tradition mehr bietet und uns damit eine der Grundlagen echten Selbstwerts entzogen hat. Und das ist kein rechtes Denken. Das wäre es erst, wenn ich nun behaupten würde, dass irgend eine dieser regionalen Kulturen wertvoller sei als die andere, und das tue ich explizit nicht. Ganz im Gegenteil bin ich der Ansicht, dass von der Erhaltung jeder einzelnen dieser verschiedenen kulturellen Strömungen unser gesellschaftliches überleben abhängt. Kultur ist Identität, Identität bedeutet Selbstwert, und Selbstwert führt zu der Fähigkeit, den anderen anerkennend anzunehmen, wie er ist – aufgrund seiner Andersartigkeit, und nicht trotz dieser.

William und ich lehnen Extremismus und Totalitarismus ab, und zwar unabhängig davon, ob wir sie in einem augenblicklich gesellschaftlich akzeptierten oder in einem abgelehnten Umfeld antreffen. Unser Modell eines menschlichen Miteinanders unterscheidet sich wesentlich von diesem Umgang miteinander. Wir weigern uns, Menschen öffentlich anzugreifen, namentlich zu diffamieren und verbal unter der Gürtellinie zu attackieren, nur weil sie anderer Meinung sind als wir – auch dann, wenn sie mit uns genau das tun. Wenn wir darauf warten, dass die anderen ihr Verhalten ändern, wird alles beim alten bleiben. Wir wissen, dass jeder von den Menschen, die uns öffentlich angreifen und beschimpfen, wertvolle Anteile und einen Wert für diese Gesellschaft hat, und mit einigen von ihnen verbindet uns viel Kostbares. Ihre Ideen sind absolut wertvoll und werden von uns anerkannt. Ihre Vorgehensweise lehnen wir ab.

Vicky Gabriel und William Anderson